Während sich die Bürgerinitiativen auf lange Auseinandersetzungen vorbereiten und die Polit-Prominenz ins Dorf geholt wird, rechnen andere.

Das Aufgebot ist bestellt. Minister Thomas de Maizière kommt nach Strauch, um die Wogen im Windpark-Streit zu glätten. Wahrscheinlich am 27.April, denn da ist er zur Eröffnung des neuen Wackerwerkes in Nünchritz. Zeit für einen Abstecher ins Großenhainer Land. Der Mann ist immerhin Mitglied im Großenhainer CDU-Ortsverband. Und die Partei verschreckt gerade ihre Stammwähler auf dem Land mit Plänen für einen der größten Windparks in Deutschland. Auf 366 Hektar soll im Großenhainer Norden ein Vorranggebiet ausgewiesen werden.

Konzentration auf einige Standorte heißt die Devise, damit Sachsen nicht verspargelt wird. Und die hohen Windstrom-Vorgaben schaffen, die vom Bund gesteckt wurden seit dem Atomausstieg. Dafür sollen Tabus fallen. Wie der Wald in der Rödernschen Heide. 149 Hektar sind hier als Windpark vorgesehen. Oder wie das Tabu Mindestabstand. Auf bis zu 400, 500 Meter zu einem Wohnhaus wollen die Planer den minimieren, damit „wir überhaupt etwas unterbekommen“, wie Heinz Bienek vom Innenministerium auf der letzten Sitzung des Regionalverbandes sagte. Dass es dafür keine gesetzlichen Vorgaben in Sachsen gibt und Kriterien je nach Ergebnis festgelegt werden, erzürnt die beiden Bürgerinitiativen „Großenhain-Nord“ und „Gegenwind Rödernsche Heide“ besonders.

Genau in dieser Situation bekommen die Bürger Rückenwind von der CDU. Allerdings aus Brandenburg, wo sie in der Opposition ist. Dort fordern die Christdemokraten von Rot-grün für die neuen 200Meter hohen Windtürme einen Mindestabstand von zwei Kilometern zu Wohnhäusern, so wie übrigens auch die WHO.

Klagen scheinen vorgezeichnet

Dass der Verband in seinen Plan-Rad-Spielen mit zu wenig Watt und zu wenig Metern gerechnet hat, wirft ihm auch CDU-Mann und BI-Mitglied Werner Raddatz aus Strauch vor. Bernd Hallek, ebenfalls in der Bürgerinitiative Strauch, und beruflich mit Einflüssen der Arbeitswelt befasst, hat sich des Problems Infraschall angenommen. Auf 13 Seiten hat er seine Ergebnisse an den Planungsverband geschickt. Mit 50 weiteren Stellungnahmen von Bürgern aus Strauch und Umgebung. Hauptforderung: mehr Abstand zum Dorf. Doch auch Hallek weiß, dass es ohne Gesetz im Rücken schwierig wird, das durchzusetzen. Der Klageweg scheint unausweichlich. Dr. Peter Hummitzsch, Vorsitzender der Fachgruppe Ornithologie und Naturschutz Radebeul, kommt genau zu demselben Schluss. Der Naturschützer betreut seit 40 Jahren in Zschorna eines der großen europäischen Vogelschutzgebiete – doch zum Windpark in der Nachbarschaft muss er nicht gehört werden. Die Naturschützer lassen ihre Stellungnahme vom Naturschutz-Institut Dresden anfertigen. Der Landesverband in Leipzig wird sie einreichen. Es geht um viel. Vor allem viel Geld.

Die Lommatzscher Bürgermeisterin Dr. Anita Maaß (FDP) hat ihren Kollegen einiges an Windkraft-Erfahrung voraus. Die Gemeinde hat zwei Vorranggebiete. Ausgewiesen wurden sie vor zehn Jahren. Aber am Tummelberg stehen gerade mal sieben Windräder. Von elf Windrädern für Wölkisch-Süd-West sind sechs genehmigt. Weil sie technisch nach der langen Genehmigungszeit aber überholt sind, läuft ein Zielabweichungsverfahren. Und auch das dauert.

Trotzdem profitiert die Gemeinde von den sieben Windrädern durchaus. Pro Windrad bekommt Lommatzsch 20000Euro Steuern im Jahr. Allerdings erst ab dem siebenten oder achten Jahr. Da die Anlagen 98Meter hoch sind, lässt sich im wahrsten Sinne leicht hochrechnen, was ein Windpark mit wenigstens 25 Windtürmen über 200Meter Höhe der Stadt Großenhain einbringen würde.

Firmen wollen Wege sichern

So oder so, es geht um schwindelerregende Höhen. Auch die Grundstückseigentümer merken das. Derzeit läuft die dritte Welle von Firmenwerbern übers Land. Inzwischen werden die Flächeneigentümer bis Frauenhain angesprochen. „Da wird in jedem Grundstück ein Windrad eingezeichnet, um den Eigentümern zu suggerieren, dass für sie etwas herausspringt“, so ein Straucher Bürger. War anfangs von 20000Euro die Rede, bieten die Firmen jetzt bis zu 50000Euro je Anlage. Ob die tatsächlich kommt, ist offen. Die Windkraftbetreiber müssen sich Wege- und Leitungsstrecken sichern. In dem Fall gibt’s kaum Geld und die Hochspannungsleitung gratis dazu. Vielleicht werden die Straucher und Röderner den Mitgliedern des Verbandes auch solche Fragen stellen, wenn sie am 8. Mai zu je zwei Vor-Ort-Terminen anreisen. Der Verband der Windkraft-Betreiber lud gestern derweil zur Pressekonferenz nach Dresden. In der Stadt ist Windkraft voll Öko – weil kein Dresdner die Windtürme vor der eigenen Haustür stehen hat.

Von Birgit Ulbricht

Quelle: sz-online/Sächsische Zeitung
Donnerstag, 12. April 2012