Mit Schirmen und Luftballonswehren sich Anwohner gegen den Bauvon Deutschlands größtemWindpark –
nicht ohne Erfolg.

Bald baumeln wieder bunte Luftballons an Zäunen vor Häusern und Gartenkolonien. Feierfreudige Freunde könnten vermuten: Hier steigt eine Gartenparty. Nach feiern ist Jens Haupt aus Strauch bei Großenhain allerdings nicht. Trotzdem ließ er vergangene Woche rote Luftballons aufsteigen und lud sich Gäste ein. Ob sie Freunde werden, ist fraglich. Die Frauen und Männer vom regionalen Planungsverband Oberes Elbtal/Osterzgebirge sollen Flächen für Windparks festlegen. An jenem Tag staunten sie nicht schlecht. Die Ballons waren an 200 Meter langen Schnüren am Feldboden befestigt und tanzten vorm blauen Himmel im Wind.
Wind war auch der Anlass für das Treffen. Denn dort, wo jetzt noch zarte Getreidehalme sprießen, sollen bald Stahlrohre gen Himmel ragen. 25 Windkraftanlagen könnten hier im Norden Großenhains bis zu jener Höhe reichen, in der die Luftballons schwebten. Seit der Planungsverband Anfang Dezember vorigen Jahres drei Gebiete rund um Großenhain – bei Strauch, Zschorna und Thiendorf – als Vorranggebiete für die Windkraft
ausgewiesen hat, gibt es in Strauch und den umliegenden Orten kaum ein anderes Thema. Infoveranstaltungen der Stadt und von Windparkbetreibern wurden abgehalten. Angst machte sich breit. Angst, den freien Blick über Wald und Feld zu verlieren und stattdessen auf 200 Meter hohe Windräder zu schauen. Angst vor langen Schatten und dem Infraschall, den die rotierenden Riesen verbreiten.
Darum hat Jens Haupt mit anderen die Bürgerinitiative „Wir für unsere Dörfer“ gegründet. Er ist nicht gegen die Windkraft, sagt er –nur dagegen, die Anlage in dicht besiedelten Gegenden wie in Sachsen aufzustellen. „Wir fordern deshalb einen Abstand der Anlagen von 2.000 Metern zu Häusern“, sagte er. Das empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO ebenfalls. Damit wäre der Windpark bei Strauch vom Tisch.

Gesammelt oder verspargelt

Doch irgendwohin muss er. Diesen Auftrag hat der Planungsverband Oberes Elbtal/Osterzgebirge bekommen. Im Zuge der Energiewende hat sich der Freistaat hohe Ziele gesetzt. Ein Entwurf des Energiekonzeptes sieht eine Verdopplung der installierten Leistung vor. Um eine Verspargelung der Landschaft zu vermeiden, sollen die Windräder gesammelt stehen. Allerdings weht bei Strauch nur ein laues Lüftchen, sagte Haupt: „Laut dem
Bundesverband Windenergie leben wir in einer schwachen Windregion.“ Ein Problem, das lösbar ist – man muss nur höher bauen. Mit jedem Meter Höhe lässt sich ein Prozent mehr Strom erzeugen, erklärte Wolfgang Daniels, Dresdner Physiker und Windparkplaner. Er berät die Planer.
Wie dicht die Windräder an Strauch oder Stroga heranrücken könnten, ist offen. Eine generelle Regel gibt es in Sachsen nicht, bemängelte Haupt. Für das Gebiet um Großenhain dürfen die Anlagen bis auf 750 Meter an Wohnhäuser heranrücken. Derzeit überarbeitet der Planungsverband den Windnutzungsplan. Laut dessen Leiterin Heidemarie Russig sind für Häuser außerhalb der Orte Abstände von 500 Meter im Gespräch.
Auch deshalb ist die Stimmung in Strauch angespannt. Zudem schickten in den vergangenen Monaten sechs Windparkbetreiberfirmen ihre Vertreter durch den Ort. Ihr Ziel: Verträge mit Landbesitzern abschließen, um später auf deren Feldern ihre Windräder aufzustellen. Einige unterschrieben. War anfangs von 20.000 Euro für eine Anlage die Rede, bieten Firmen den Landverpächtern nun 50.000 Euro. Die Meißner Firma UKA würde dort
gern bauen, ist sich auch schon mit einigen Landbesitzern einig.
Mitte Dezember 2011 hatte die Stadt Großenhain in einem Schreiben der Firma UKA für den Windpark Unterstützung versprochen. Zwischendurch war von einer Ausweitung der Windparkfläche die Rede. Die Sicherheitszone um den Flughafen könnte verkleinert werden. Statt 25 Windrädern könnten dort 50 stehen.
Deutschlands größter Windpark entstünde. Größer als Baltic 1 in der Ostsee vor Fischland-Darß. Doch die Stimmung schlug um zuletzt.

Windpark statt Wald?

Danach häuften sich Bürgerproteste. Einer führte dazu, dass in einer Sitzung des Planungsverbandes in Radebeul Ende März der Beschluss für einen Entwurf zur Windkraftnutzung nicht gefasst werden konnte. Ende April ruderte UKA zurück. 15 Windräder mit mindestens 1.000 Metern Abstand zu Wohnhäusern seien genug.
Eine zweite Bürgerinitiative macht sich gegen den Bau eines Windparks in der Rödernschen Heide stark. Im Waldgebiet zwischen den Orten Radeburg, Zschorna und Rödern sollen 17 Windräder gebaut werden. Es gibt schon Waldbesitzer, die ihre Fläche verpachten würden. Wie viele Bäume für Zufahrtswege, Kräne und den Bau gefällt werden müssen, ist offen. In der Nähe der Planungsflächen befinden sich Dörfer, Seen, ein
Vogelschutzgebiet und zwei Naherholungsgebiete.
Die Menschen in Strauch und Zschorna hoffen auf den 19. Juli, wenn das Kabinett in Dresden über die Klimaziele berät. „Wenn wir nicht mehr 3.500 Gigawattstunden jährlich bringen müssten, sondern nur 2.000, könnten wir die Windparks verkleinern“, hoffte der Meißner Landrat Arndt Steinbach bei der Ballonbegutachtung.

Von Klemens Deider

Quelle: sz-online/Sächsische Zeitung
Sonntag, 20. Mai 2012